Weltfrauentag! – Interview mit Jenny von Conexión Chocolate

UNTERNEHMERINNEN ZUM WELTFRAUENTAG!

Interview mit Jenny Samaniego von Conexión Chocolate

Seit nun schon etwas über einem Jahr, haben wir den tollen Rohkakao von CONEXIÓN Chocolate in unserem goodmoodfood-Sortiment. Anlässlich des Weltfrauentages am 8. März, haben wir mit Conexión Chocolate Gründerin und Geschäftsführerin Jenny Samaniego gesprochen und super spannende Einblicke in die Welt des Kakaos und die Herausforderungen für ecuadorianische Kakaobäuerinnen und Unternehmerinnen gewonnen!

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Komplettes Interview mit Jenny von Conexión Chocolate und Helena von goodmoodfood
Photocredits: Conexión Chocolate

Helena: Was war deine erste unvergessliche Erfahrung mit Kakao?

Jenny: Ich komme aus Quito, aber meine Eltern kommen aus zwei kleinen Städtchen aus unterschiedlichen Provinzen. Meine Mutter kommt von der Küste und als Kinder sind wir oft in ihren Heimatort gefahren, wo die Landschaft sehr fruchtbar ist. Dort gab es viel Obst und eben auch Kakao. Seit ich ein Kind bin, habe ich frischen Kakao gegessen, keine Schokolade, sondern tatsächlich die frische Frucht. Ich hatte also schon früh Kontakt zur Kakaopflanze.

Meine wirklich prägende Erfahrung war aber eine andere! Als Kind habe ich nicht wirklich die Komplexität des Kakaogeschmacks verstanden, das kam erst später. 2013, als ich bereits darüber nachdachte meine eigene Schokolade herzustellen, besuchte ich Kakaoproduzent*innen der Kooperative UOPROCAE (mit denen wir auch heute noch zusammenarbeiten) in Esmeraldas. Ich schaute mir die Kakaofarmen an und sprach mit den Bäuer*innen. In einem Moment öffnete ich einen Laster gefüllt mit Kakao und ein Bauer streckte mir seine Hand entgegen, in der eine Kakaofrucht war, tat sie in meine Hand und sagte „Wir sind hier, vergiss uns nicht“. Es gibt einfach Dinge, die man nicht mehr vergisst, so auch diese Erfahrung!

Helena: Was findest du an Kakao am faszinierendsten?

Jenny: Ich finde Kakao ist so unglaublich faszinierend, weil man sogar bei ein- und derselben Kakaovarietät riesige Geschmacksunterschiede feststellen kann! Wenn man eine Kakaofrucht öffnet, kommen einem unglaubliche Düfte entgegen, das ist wie bei einer Weinverkostung! Das Aroma ist mein liebster Aspekt des Kakaos, es ist so vielseitig, hat so viel Persönlichkeit, und man muss den Kakao sorgsam verarbeiten und bei jedem Produktionsschritt – ernten, trocknen, rösten – vorsichtig sein, um das Beste aus ihm rauszukriegen und das Aroma nicht zu verlieren.

Helena: Was meinst du genau mit Kakaovarietät?

Jenny: Es gibt verschiedene Kakaovarietäten, oder Sorten, und Ecuador hat eine endemische Sorte namens „Nacional“, sie ist weltweit bekannt für ihre fruchtigen Aromen. Es ist echt interessant, denn in Peru und Kolumbien versucht man den Nacional ebenfalls anzupflanzen, aber irgendwie wächst der nur bei uns! Wenn man auf einem Hektar Kakaoplantage zehn verschiedene Nacional-Kakaofrüchte öffnet und die Bohnen probiert, kann es sein, dass jede einzelne Bohne anders schmeckt!

Helena: Wenn jede Bohne quasi etwas anders schmeckt, bedeutet das auch, dass die Endprodukte immer etwas unterschiedlich schmecken?

Jenny: Ja, auf jeden Fall! Wir arbeiten mit echtem Kakao und wir wollen alles so naturbelassen wie möglich lassen. Das ist ja das Schöne daran! Die Natur ist wie wir: alle etwas unterschiedlich und mit eigenem Charakter, und man weiss nie, was man bekommt! Aus diesem Grunde haben wir uns auch entschieden für euch minimal verarbeitete Produkte herzustellen, um diese Vielfalt und Einzigartigkeit herauszubringen, das ist wirklich etwas ganz besonderes bei euren Produkten.

Helena: Was macht Conexión Chocolate besonders?

Jenny: Wir sind eine authentische Marke. Wir möchten die Arbeit der Kakaobäuer*innen nach außen kommunizieren und echten Kakao in die Welt tragen. Unsere Erfahrung bisher war schon ziemlich einzigartig, denn wir haben es geschafft das Beste aus Ecuador nach draußen zu tragen! Nämlich unseren Kakao!

Der Name Conexión hat mich gefesselt, denn ich denke die Verbindung mit uns selbst und dann auch zu anderen Menschen und mit unserem Essen ist das Wichtigste überhaupt. Du bist ja bekanntlich, was du isst.

Eine weitere Besonderheit von Conexión Chocolate ist, dass wir ausschliesslich mit dem sogenannten Nacional-Kakao arbeiten. Die Kakaovarietät “Nacional” ist vom Aussterben bedroht, da dominantere Sorten, wie der CCN51, den Nacional verdrängen. Wir arbeiten mit der Heirloom Cacao Preservation-Stiftung zusammen und untersuchen mit ihrer finanziellen Unterstützung Nacional-Pflanzen in der Region um Vinces. Wir nehmen genetische Proben und pflanzen Nacional in der Region. Wir lieben alle Kakaosorten, aber sind der Meinung, dass Nacional etwas ganz Besonderes ist und unbedingt erhalten bleiben soll!

Der Name „Arriba Nacional“, wie ihr ihn oft verwendet, ist übrigens eine historische Bezeichnung! Als früher die ersten Kakaohändler nach Ecuador kamen und am Hafen von Guayaquil angelangten, fragten sie, wo der Kakao zu finden sei und die lokale Bevölkerung würde „río arriba“ sagen. So entstand dann der Name Arriba Nacional.

Helena: Was ist für dich der Hauptunterschied zwischen Schokolade und Rohkakao?

Jenny: Wir produzieren zwei Arten von Kakaoprodukten, einmal die „Roast“-Linie und einmal die „Virgin/Minimally Processed“-Linie (Rohkakao-Linie). Letzteres, was wir ja an goodmoodfood verkaufen, ist eine echte Herausforderung, denn wir müssen bei allen Produktionsschritten sehr sorgfältig arbeiten. Zum einen aus hygienischen Gründen, zum anderen um den natürlichen Geschmack der Kakaofrucht zu bewahren. Wenn man den Geschmack von frischen Kakaofrüchten kennt, versteht man aber, dass die Rohkakao-Linie vom Geschmack her ziemlich nah an der frischen Frucht dran ist! Das ist auch super spannend für uns und wir haben auch viel gelernt während dieses anderen Produktionsprozesses.

Helena: Wieso hast du dich dazu entschieden, Unternehmerin zu werden?

Jenny: Meine Eltern haben mir immer erzählt, dass ich schon von klein auf mein eigenes Business haben wollte.

Ich hatte dann vor einigen Jahren die Gelegenheit in die USA zu gehen, wo ich einen französischen Chocolatier kennenlernte, bei dem ich alle Kniffs und Tricks der Branche lernte. Er arbeitete mit ecuadorianischem Kakao. Ich arbeitete dort 5 Jahre. Das war auch die Zeit als die „Real chocolate”- Bewegung entstand. Die ganze Zeit trug ich meinen eigenen Traum im Herzen und bin dann 2016 nach Ecuador zurückgekehrt und gründete Conexión Chocolate. Wir entwickelten die Roast-Linie und die Virgin-Linie und haben seitdem 33 internationale Awards für herausragende Qualität und Geschmack gewonnen! Wir stecken allerdings alles in unsere Produzent*innen und in die Verbesserung unserer Kakaoqualität.

Helena: Was ist die größte Herausforderung für weibliche Unternehmer in der Kakaoindustrie?

Jenny: Hmm ich rede da nicht so gerne drüber, denn für mich sind alle Menschen gleich, aber es ist wahr, dass es eine hartes Gewerbe ist, vor allem für eine Frau. Besonders für ein Geschäftsmodell, wie das von Conexión, wo vom Pflücken der Kakaobohne, bis hin zum Endprodukt, alles mit drin ist. Es gibt so viele große internationale Firmen mit riesigen finanziellen Ressourcen und gut platziert im Markt. Im US-Markt läuft es außerdem so, dass, wenn eine Firma aus Europa in den US-Markt möchte, alle Türen geöffnet werden. Wenn eine südamerikanische Firma, die dann auch noch von einer Latina, einer Frau, geführt wird, sich vorstellen möchte, sieht das schon ganz anders aus. Manchmal wurden wir nicht mal zu Präsentationen zugelassen und konnten unsere Produkte nicht vorstellen.

Helena: Gibt es eine typische Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen im Produktionsprozess von Kakaoprodukten?

Jenny: Als ich vor circa 10 Jahren anfing in Ecuador in der Kakaobranche zu arbeiten, sah man quasi gar keine Frauen im Produktionsprozess. Die Männer verlassen das Haus und die Frauen bleiben zu Hause und kümmern sich um Haushalt und Kinder. Das ist immer noch so, aber nach der Ernte sind jetzt auch mehr Frauen involviert. Die Ernte selber wird eigentlich weiterhin nur von Männern gemacht, da das schwere körperliche Arbeit ist, so ein Sack Kakao wiegt bis zu 50kg. Heutzutage gibt es immer mehr Frauen im technischen Bereich. Junge Frauen werden von ihren Eltern zur Ausbildung geschickt und kommen dann als technische Beraterinnen zu uns und kümmern sich um Produktivitätssteigerung und beraten die Produzent*innen in Bezug auf Umgang mit Pestiziden und Dünger.

Helena: Unterstützt Conexión Chocolate bestimmte Sozialprojekte, die gezielt Frauen helfen?

Jenny: Im Moment entwickeln wir ein tolles Projekt mit Frauen in der Los Ríos-Provinz. In der Region gibt es ein Phänomen: die Frauen dort bekommen immer jünger Kinder, im Alter von 15-16 Jahren. Wir untersuchen dieses Phänomen und organisieren eine Aufklärungskampagne mit der Kakaokooperative UOPROCAE vor Ort. Wir möchten den jungen Frauen Alternativen aufzeigen und über gesundes Sexualverhalten und Verhütung aufklären. Wir glauben das wird eine sehr positive Auswirkung für die Frauen und die Region haben. Wir tun das für die Frauen, die immer noch unsichtbar sind und größtenteils auf ihren Haushalt beschränkt sind.

Wir möchten diese Frauen hervorheben, ihnen Bildung ermöglichen und so ihre Unabhängigkeit steigern. Der einzige Weg ist das Bildungsniveau der Frauen an das der Männer anzupassen und ihnen Fähigkeiten beizubringen.

Ein anderes Projekt ist ebenfalls mit UOPROCAE. Hier arbeiten wir mit jungen Bäuer*innen zusammen, zwischen 18 und 30 Jahren. In dem Projekt stellen wir spezielle Schokoladentafeln her. Das Ziel war auch hier besonders weibliche Kakaobauern anzusprechen.

Eins der größten Probleme weltweit ist die Überalterung der Kakaobäuer*innen. Die Farmen werden von Menschen bestellt, die teilweise weit über 65 Jahre alt sind. Die jüngere Generation geht auf gut Glück in die Städte, ohne genaues Ziel und ohne Ausbildung und wenn sie dann nach Hause zurückkehren haben sie keine handfeste Ausbildung, mit der sie die Farmen von ihren Eltern oder Großeltern übernehmen könnten.

In dem Projekt haben wir uns also zum Ziel gesetzt diesen jungen Leuten Eigenverantwortung und Wissen beizubringen. Die Idee ist, dass sie ein Stück Land ihrer Familie übernehmen und alleine für dieses sorgen müssen. Das heisst sie bestellen das Land, ernten den Kakao und bringen diesen zu den Sammelzentren. Dort bekommen sie einen Bonus für ihren Kakao. Wir bringen ihnen technisches Know-How bei und vor allem auch, wie sie die anderen Pflanzen, die auf ihrem Land wachsen, nutzen können. Denn die Farmen, mit denen wir arbeiten, sind alle biodivers. Das heisst dort wachsen auch andere Nutzpflanzen wie Ananas, Plantains, Orangen, Mangos etc.

In dem Projekt sind die Hälfte Frauen, da haben wir extra drauf geachtet. Und ich muss sagen, es ist beeindruckend mit welchem Elan und mit was für einer Motivation besonders die Frauen an dieses Projekt herangehen!

Helena: Was ist deine Vision für Conexión Chocolate?

Jenny: Wir haben spannende Projekte in der Pipeline, aber wir möchten uns in Zukunft noch mehr auf den Aspekt Nachhaltigkeit konzentrieren! Es gibt hier viele Herausforderungen, aber wir haben ein starkes Team aus 5 Frauen und 2 Männern…wir werden immer Männer brauchen (lacht). Eine weitere Frau, die 10 Jahre Expertise im Bereich Nachhaltigkeit hat, wird auch noch zu uns stoßen. Wir möchten nachhaltiger und noch transparenter werden. Damit man jede Bohne zu ihrem Produzenten zurückverfolgen kann. Hier geht es uns wieder um die Repräsentation der Produzent*innen! Wir möchten zeigen, wer hinter unseren Produkten steht, denn das passiert in der Kakaoindustrie immer noch zu wenig! Die Kakaobäuer*innen arbeiten am härtesten. Ich glaube die wenigsten verstehen, wie hart es ist, nur ein Kilo Kakao zu ernten und am Ende des Tages für 50 Kilo nur 30-40$ zu bekommen. Da muss in der Industrie noch viel mehr drüber geredet werden!

Vielen Dank für das tolle und interessante Gespräch, Jenny!